Ein Blick in die Zukunft Israels

von Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der Israelisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer

Wir schreiben das Jahr 2020. Israel hat 9,2 Millionen Einwohner; damit ist das Land so bevölkerungsstark wie Schweden oder Österreich und größer als 20 der mittlerweile 36 Mitgliedsstaaten der EU.

 

Vor 12 Jahren war der stagnierende Friedensprozess wieder in Bewegung geraten. Nach der offenen Morddrohung des mittlerweile als verschollen geltenden Osama Bin Laden gegen den Generalsekretär der UNO Anan zwei Jahr zuvor, machte die Organisation – gemeinsam mit den USA, der EU und Russland ernst mit der sog. Road Map. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2008 waren die Weichen für ein konzertiertes, transatlantisches Vorgehen in der Region mit besonderem Augenmerk auf die Entwicklungen in der PA, in Afghanistan, im Iran und im Irak nach den Wahlen gestellt worden.

 

Sowohl Israelis, als auch Palästinensern wurde der hohe Preis der Abwesenheit einer Friedensregelung immer bewusster. Nach dem Tod
Yasser Arafats, der Abkoppelung des Gazastreifens, den erfolgreichen Wahlen in der palästinensischen Westbank  und der international anerkannten Detente-Politik Abu Mazens, unterstützte die EU als bedeutendster Geldgeber der PA die Palästinenser bei der effektiven Bekämpfung des Terrors, während die USA ihren Einfluss auf Israel dahingehend geltend machte, dass erstmals seit einem Jahrzehnt ein tatsächlicher Siedlungsstopp praktiziert wurde. Mit schrittweiser Abnahme der Gewalttätigkeiten zog sich Israel 2005 aus dem Gazastreifen und bis 2012 fast aus der gesamten Westbank zurück.

 

Der am 1. September 2010 ausgerufene Palästinenserstaat hatte einer Entmilitarisierung zugestimmt, 900.000 palästinensische Flüchtlinge aufgenommen und zählt heute, zehn Jahre danach, fast 9 Millionen Einwohner. Geschichtsbewusst hatte Deutschland das Gaza-Westbank-Interzonenprojekt geplant, durchgeführt und finanziert, das die beiden Staatsgebiete seitdem miteinander verbindet und sinnigerweise in Helmstedt ratifiziert worden war. Die EU hatte als wichtigsten Beitrag einem Kontingent von 2 Millionen palästinensischen Flüchtlingen die Aufnahme und volle Integration gewährt, als Ausgleich für das ausgesetzte Recht auf Rückkehr.

 

Durch die Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit Israel und Palästina 2012 hat die EU schließlich auch ihren politischen Einfluss in der Region geltend gemacht. Israel hatte bereits als ernsthafter Mitgliedskandidat gegolten, als die Aufnahme der Türkei beschlossene Sache war und das christliche Postulat der Gemeinschaft hinfällig wurde. Palästina aber war ausgerechnet von Israel für eine Mitgliedschaft propagiert worden, da die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen und gegenseitigen Abhängigkeiten schwerer wogen, als die politischen Ressentiments.

 

Dies war Israel leichter gefallen, nachdem es durch die Anerkennung Palästinas endlich aus seiner jahrzehntelangen Isolation bei den Vereinten Nationen freikam, bereits 2009 Aufnahme in die OECD gefunden hatte und im Jahr darauf assoziiertes Mitglied der NATO geworden war.

 

So rasant, wie die geopolitische Entwicklung des letzten Jahrzehnts, war auch die wirtschaftliche. Hatte der Beginn der 2. Intifada im Jahre 2000, gemeinsam mit den Einbrüchen der Hightechnotierungen an den Weltmärkten und den Folgen des internationalen Terrors die israelische Wirtschaft teils massiv zurückgeworfen, so wendete sich das Bild bereits zum Jahreswechsel 2003/4. Zum ersten Mal seit drei Jahren waren die Pluszeichen vor den Wirtschaftsdaten in der klaren Mehrzahl: Wachstum, Export, Import, Investitionen und Arbeitsmarkt. Israels Wirtschaftswachstum pendelte sich im vergangenen Jahrzehnt auf 3,8% im Jahresdurchschnitt ein, so dass das BIP heute die 250 Mrd. Euro-Marke erreicht hat und das BIP per capita mit 25.000 Euro im oberen Drittel der EU liegt.

 

Motor der Wirtschaft war bereits seit Mitte der 90er Jahre die Hightechindustrie gewesen. Nach der Krise zum Jahrtausendwechsel hatte sich die Branche weltweit erholt, und israelische Unternehmen steigerten ihre Ausfuhren seither jährlich um 7-12 Prozentpunkte. Während vor 15 Jahren der Hightechexport 76% der Gesamtindustrieausfuhren ausmachte, waren es 2019 fast 95%.

 

Im Jahre 2003 hatte Israel Frankreich im Rüstungsexport überholt und war zum drittgrößten Lieferanten weltweit avanciert. Gerade die israelische Luftfahrtindustrie trug mit der erfolgreichen elektronischen Umrüstung und Modernisierung veralteter sowjetischer Systeme in Mitteleuropa und Fernost dazu bei, diesen Rang bis heute zu halten. Aber auch die israelische Entwicklung eines optischen Superchips, den Head-Up Helmsystemen für die US-Airforce, die mittlerweile obligatorischen Raketenabwehrsysteme für die zivile Luftfahrt und die 2005 zur Produktionsreife gelangte Lasertechnologie für die berührungslose Identifizierung von Sprengstoffen sichern heute Israels Rolle als Global Player im Rüstungsgeschäft.

 

Vielleicht erinnern Sie sich ja noch an Namen wie Pentium MMX, Centrino Mobile, CoreDuo, Windows NT und XP,  oder ICQ. Diese israelischen Entwicklungen und Produkte hatten das Land vor 15, 20 Jahren in die Hightech-Weltspitze katapultiert. Datenkomprimierung, Voice over IP, XDSL, Internet-Security sind bis heute israelische Domänen. Gab es 2004 nur zwei Intel-Werke im Land, so kamen seither zwei weitere hinzu. Grund hierzu gab eine Entwicklung des Weizmann Instituts in Rechovot, die der damals noch in den Kinderschuhen steckenden Silicon-Photonik-Technologie zum Durchbruch verhalf und den Datenaustausch zwischen elektronischen Bauteilen auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigte.

 

Im vergangenen Jahrzehnt machte auch die Gen- und Biotechnologie Israels enorme Fortschritte. So war bereits vor 15 Jahren der israelische Pharma-Riese TEVA der weltgrößte Hersteller von Antibiotika. Nach einer Reihe von Unternehmenszukäufen entwickelte sich TEVA zu einem der acht bedeutendsten Pharmaunternehmen der Welt. Besonderes Augenmerk wurde in der Branche auch dem medizinischen Apparatebau geschenkt, vor allem in den Bereichen diagnostisches und therapeutisches Imaging. Über 60% aller israelischen Startup-Unternehmen widmen sich dem Erhalt und der Wiederherstellung der Gesundheit.

 

In der einst so bedeutenden Landwirtschaft kam es ebenfalls zu einem wichtigen Wandel. Während der Export traditioneller Produkte wie Zitrusfrüchte drastisch abnahm, wurde Israel zu einem wichtigen Lieferanten Europas für bio-organische Lebensmittel.

 

Ausländische Investitionen waren in den ersten beiden Jahren der Intifada stark zurückgegangen, aber bereits 2003 war frischer Wind zu spüren, 2004 wurde das Niveau von 2000 bereits überschritten und seit 2005 liegen sie bei durchschnittlich 11 Prozent des BIP. Die seinerzeit größte europäische Investition war die Errichtung des Magnesiumwerkes am Toten Meer von VW. Mittlerweile wird der Werkstoff von fast allen Fahrzeugherstellern eingesetzt, das Werk läuft seit 2008 mit voller Kapazität. Siemens begeht dieses Jahr das 25jährige Jubiläum von Siemens Israel. Seit 1995 hat der Elektronikriese aus Deutschland knapp 2 Mrd. Euro in Israel investiert. Das US-amerikanische Engagement im Land blieb im vergangenen Jahrzehnt durch Intel, Tower, IBM, Microsoft, Sun, Cisco, GE u.a. unvermindert hoch, doch holten die Europäer – und hier vor allem die Deutschen – und die südostasiatischen Staaten mächtig auf.

Ähnlich haben sich die Handelsbeziehungen Israels entwickelt. Lagen 2004 die USA nur knapp hinter der EU, was den Warenaustausch betrifft, so wurde die Bedeutung Europas und der EU nach der vorletzten großen Erweiterung der Gemeinschaft zum 1. Mai 2004 ab dem Folgejahr immer größer. Bis 2010 erhöhte sich der EU-Anteil ständig, in den vergangen 10 Jahren entwickelt sich jedoch vor allem der Handel mit Südostasien, Indien, China, dem Maghreb und der Golfregion stärker.

 

Aus der Krisenregion Nahost ist mittlerweile der Wirtschaftsraum Nahost geworden. Vor allem Jordanien, Palästina und Israel sind sich im vergangenen Jahrzehnt wirtschaftlich näher gekommen. Die während der Intifada ausgesetzte Errichtung so genannter QIZ (Qualified Industrial Zones) wurde seit 2006 beschleunigt vorangetrieben. Seither sind ein gutes dutzend dieser bi- und trilateralen Industrieparks in den Grenzgebieten entstanden. Hier kommen israelisches Know-How, ausländisches Kapital und immer qualifiziertere jordanische und palästinensische Arbeitskraft zusammen, um zu günstigsten Bedingungen für den Export in die EU und die USA zu produzieren. Das BIP per capita Palästinas hat sich von 1600 USD im Jahr 2004 auf immerhin 4300 USD 15 Jahre danach gesteigert; für Jordanien ist die Entwicklung sogar noch günstiger verlaufen.

 

2016 wurde der, zu großen Teilen von der Weltbank und der KWA finanzierte Kanal zwischen Rotem und Totem Meer in Betrieb genommen. Er ermöglicht seither den drei Anrainern Israel, Jordanien und Palästina die Produktion umweltfreundlichen Stroms durch die hydroelektrische Nutzung des Gefälles von 400 Metern und die Speicherung einer fast unbegrenzten Menge an Sonnenenergie in sog. Solarbecken. Diese Energie wird heute zur groß angelegten Meerwasserentsalzung genutzt, um dem akuten Wassermangel in der Region zu begegnen. Entlang des Kanals verläuft die Transrapidtrasse, über die Jordanier, Palästinenser und Israelis in 35 Minuten von Sdom nach Eilat/Akaba reisen.

 

Deutschland hat sich im vergangenen Jahrzehnt nicht nur um die Befriedung der Region verdient gemacht. Das Wirtschafts- und Technologiepotential Israels hatten Unternehmen wie Daimler, Siemens, Deutsche Telekom, VW, SAP, Henkel u.v.m. bereits Mitte der 90er Jahre erkannt und sich zunutze gemacht. Der neuerliche Ausbruch der Gewalt und die vorläufige Beendigung des Friedensprozesses im Jahr 2000 hatten aber vor allem den Mittelstand davon abgehalten, sich dem israelischen Markt zu nähern. Das änderte sich wieder mit der Beruhigung der Lage ab 2005. In den Jahren danach kam es zu einer Vielzahl deutsch-israelischen Gemeinschaftsgründungen in beiden Ländern, einer spürbaren Zunahme gemeinsamer, oft durch die EU finanzierter Forschungsprojekte und gemeinschaftlicher Erschließung von Drittmärkten. Während 2007 die deutschen Exporte nach Israel erstmals über 3,5 Mrd. US-Dollar lagen, erreichten die Importe aus Israel mit 1,92 Mrd. einen neuen Höchststand. 12 Jahre später hat sich das deutsch-israelische Handelsvolumen beinahe verdoppelt. Die israelischen Exporte fallen dabei nur noch um 20% hinter die Importe zurück. Bereits 2004 war Israel der zweitwichtigste Handelspartner der Bundesrepublik in der gesamten MENA-Region, noch vor Iran und Ägypten.

 

Die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre hat gezeigt, dass Frieden und Wirtschaft in höchstem Maße interdependent sind. Die Friedenspolitik konnte ohne die massive Flankierung durch die Wirtschaft nicht nachhaltig sein, eine positive wirtschaftliche Entwicklung hätte es aber ohne entsprechende friedenspolitische Rahmenbedingungen ebenso nicht geben können. Keine der beiden konnte sich leisten, der anderen den Vortritt zu lassen. Stabilität und Prosperität für alle mussten beider Ziel sein und bleiben.

 

Vergessen Sie nicht: Theodor Herzl, der visionäre Gründer der zionistischen Bewegung, schrieb in seinem Entwurf für den Judenstaat: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“, und David Ben-Gurion, der erste Premierminister Israels sagte einmal: „Wer in Israel nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Lassen Sie uns feurige, inbrünstige Realisten sein!

 

Adresse

Sharbat Haus, 9. Stock
Kaufman Str. 4
68012 Tel Aviv
Israel

T: +972 3 680 680-0
F: +972 3 613 3528

E: info(at)ahkisrael.co.il