Analyse
Grisha Alroi-Arloser über die Deutsch-Israelischen Wirtschaftsbeziehungen: endlich nur gute Nachrichten!
Nehmen wir an, ein Verein, der sich um gute Beziehungen zwischen Israel und Deutschland kümmert, plant einen Vortragsabend. Es stehen vier Themen zur Auswahl:
- Hintergrundgespräch mit Herrn Abdelsalam Najjar aus der „Oase des Friedens“/Neve Shalom
- „Der islamistische Medien-Krieg“, Prof. Richard Landes (Boston University) im Gespräch mit Thierry Chervel über das Versagen der westlichen Berichterstattung von Mohammed al Durah bis zum „Arabischen Frühling“
- „Vernichtungskrieg gegen Palästinenser“- Podiumsdiskussion mit Evelyn Hecht-Galinski, Henryk Broder, Ludwig Watzal und Tobias Jäcker
- Deutsch-Israelische Wirtschaftsbeziehungen. Vortrag von Grisha Alroi-Arloser
Welches Thema werden die Mitglieder des Vereins bevorzugen? Ich vermute: der Vortrag über Wirtschaftsbeziehungen wird es nicht sein. Das kann ja nur langweilig werden! Da redet dann einer über Exporte, Überschüsse, Kredite und Bruttoinlandsprodukte, am Ende werden noch irgendwelche unverständlichen Statistiken präsentiert, alle klatschen und keiner hat was verstanden. Wie viel spannender ist es da doch, über eine „Oase des Friedens“ zu reden, in der Israelis und Palästinenser in „Friedensschulen, Seminaren und Kursen“ zu Begegnung und Verständigung zusammenkommen, oder einer Podiumsdiskussion zu folgen, wo Henryk Broder sich über die durchgedrehte Hausfrau Evelyn Hecht-Galinski aus dem Badischen lustig macht!
Vielleicht lag es an dieser Furcht vor einem zu trockenen Thema, dass am 23.November 2011 zum Vortrag von Grisha Alroi-Arloser in der Industrie- und Handelskammer Bonn so wenige Teilnehmer erschienen – immerhin wurden ja alle Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Bonn der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zu diesem Abend eingeladen.
Darauf angesprochen meinte Grisha Alroi-Arloser zu Beginn seines Vortrages:
„… ich bin nicht enttäuscht, was die Zuhörerschaft angeht, es gibt große Veranstaltungen und es gibt gute Veranstaltungen und das wird bestimmt eine gute.
Ich bin heute Morgen aus München gekommen und reise heute Abend noch nach Köln weiter. Und damit habe ich im Grunde an einem Tag die drei Orte in Deutschland besucht, an denen ich gelebt habe. Ich bin in Köln aufgewachsen…“
und spreche (ergänzte ich für mich) astreines Hochdeutsch.
„… habe 20 Jahre in Köln gelebt, bin nicht in Köln zur Welt gekommen, sondern in Sibirien, aber im Alter von zwei Jahren mit den Eltern nach Köln gekommen.“
Aus dem kleinen Sibirier Grisha wurde ein großer Kölner, der 20 Jahre später nach Israel auswanderte. Ab 1987 arbeitete Alroi-Arloser 4 Jahre lang an der israelischen Botschaft in Bad Godesberg, ging dann wieder zurück nach Israel und lebte schließlich von 2002 bis 2007 in München, wo er als Leiter der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung tätig war. Im Augenblick ist er Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen AHK und auch noch Präsident der Israelisch-Deutschen Gesellschaft, dem Pendant zur DIG in Israel.

Es schwirrt einem der Kopf vor lauter Institutionen, bei denen Alroi-Arloser als Leiter oder Geschäftsführer tätig ist! Doch das hat mich an diesem Abend überhaupt nicht beeindruckt. Titel, Posten und gesellschaftliche oder politische Stellung sind mitunter ja sogar umgekehrt proportional zur fachlichen, intellektuellen und sozialen Leistungsfähigkeit eines Menschen, wie diverse Beispiele aus der deutschen Gegenwart bezeugen. Nein, das Imposante an diesem Abend war zunächst einmal: Da stand einer am Rednerpult und redete völlig frei. Fast zwei Stunden lang. Natürlich hatte er seinMac-Book dabei und eine kleine Präsentation, aber die fasste nur zusammen, was Alroi-Arloser uns über die Wirtschaft Israels erzählte. So blieb mir erspart, was man auf Antisemitismus-Kongressen, Israel-Symposien oder Friedenspreis-Verleihungen nur zu häufig erfährt: Akademischer Dünkel gepaart mit geballter Inkompetenz präsentiert dem „gemeinen Publikum“ vom Blatt abgelesene Selbstverständlichkeiten und Trivialitäten, wonach man dann zum Buffet schreitet.
Doch an diesem Abend ging es um Fakten, um belegbare, harte Wirtschaftsdaten, und vorgetragen wurden sie von einem sympathischen, bescheiden auftretenden Schnelldenker. Und der freute sich darüber, endlich mal nur gute Nachrichten präsentieren zu dürfen:
„Ich freue mich, dass ich heute Abend über die deutsch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen sprechen darf, weil man heutzutage im Grunde selten gute Nachrichten über Israel vermitteln darf. In den meisten Fällen geht es um den israelisch-arabisch-palästinensischen Konflikt, es geht um die geopolitische Großwetterlage in der Region (…), die wirtschaftlichen Daten sind ganz andere.“
In der Tat: Nachrichten aus Israel haben meistens negativ-reißerische Titel wie „Raketen gegen Steinewerfer“, „Israelische Hardliner fürchten Frieden“ oder „UNO kritisiert Israels Siedlungspläne“. Die Bevölkerung Israels besteht nach landläufiger Meinung aus radikalen Siedlern, orthodoxen Juden und gewalttätigen Militärs, es beherrscht in Form einer jüdischen Mafia die USA, verursacht mit unterseeischen Atomexplosionen Tsunamis und exportiert vor allem Jaffa-Orangen. Das ist natürlich alles antisemitischer Stuss, wird aber so oder ähnlich von weiten Teilen der Mainstream-Medien verbreitet und nach Umfragen von einem nicht unbeträchtlichen Teil der deutschen Bevölkerung geglaubt.
Alroi-Arloser ging es bei seinem Vortrag aber nicht um radikale Siedler oder gewalttätige Militärs, sondern eher um die Jaffa-Orangen. Um zu verstehen, warum ein Boykott von israelischen Waren aber am wenigsten Wirkung hätte, wenn man ihn auf diese Frucht begrenzte, begann Alroi-Arloser mit ein paar Grunddaten über Israel:
- Fläche: 22.145 km2 (Hessen: 21.114,94 km2)
- Einwohner: 7,798Mio.(September 2011; Hessen: 6,075 Mio.; Juli 2011)
- Bruttoinlandsprodukt (BIP): 222 Mrd. US$ (3. Quartal 2011; Deutschland: 3.286 Mrd. US$; 2010). Zum Vergleich (2007): Jordanien 16,01 Mrd. US$ , Libanon: 24,64 Mrd. US$, Ägypten: 127,93 Mrd. US$, Syrien: 52,52 Mrd. US$
- Mehr Notierungen am NASDAQ als Europa, Korea, Japan, Indien und China zusammen
- Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 2010: 28.685,62 US$ (Deutschland: 40.273 US$)
- Staatsverschuldung (2009) 151,3 Mrd. US$oder 78,0% des BIP (Deutschland: 2.676 Mrd. US$ oder 81,43% des BIP)
- Wachstum: 4,5% (Deutschland 2010: 3,6%, 2009: -4,7%)
- Exporte 2010: 58,4Mrd. US$
- Importe 2010: 59,1Mrd. US$
- Inflation 1.Halbjahr 2011: 2,2%
- Arbeitslosigkeit (2. Quartal 2011): 5,5%
- Bevölkerungszuwachs: 1,7% p.a.
(Anmerkung: wo es mir möglich war, habe ich die Zahlen von Herrn Alroi-Arloser durch neuere des israelischen Zentralamts für Statistik ersetzt [1]. Die meisten Zahlen stammen aber aus seiner Vortragspräsentation ([0]), die er mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.) Welch gewaltige Wirtschaftsmacht sich in Israel zusammenballt, erkennt man z.B. aus der obigen Zusammenstellung des BIP: die Summe aller BIP der Israel umgebenden Länder ist mit 220 Mrd. US$ Niedriger als das Israels allein.
Neben dem hohen Wirtschaftswachstum ist hier vor allem eine unscheinbare, aber wichtige Zahl hervorzuheben: Das ist der durchschnittliche Bevölkerungszuwachs von 1,7%. Israel ist der einzige Staat der Welt, dessen Bevölkerungszahl sich innerhalb von rund 60 Jahren nach der Staatsgründung verzehnfacht hat, nämlich von 780.000 auf rund 7,8 Millionen. Unter anderem hängt das mit der Fruchtbarkeitsrate zusammen, die mit 2,41 die höchste unter den Industriestaaten ist. Auch die Lebenserwartung in Israel gehört zu den höchsten der Welt und beträgt für Frauen 80,9 Jahre und für Männer 76,7 Jahre [2]. Irgendwie scheint esden Leuten in Israel zu gefallen, sonst würden sie sicher nicht so viele Kinder dort in die Welt setzen. Da musste ich schon wieder an die Bundesrepublik denken, die eine Bevölkerungsabnahme zu verzeichnen hat, bei den Geburten sogar eine dramatische (minus 5,9% in den Jahren 2003-2009), wie Politiker gerne sagen.
Alroi-Arloser vergaß auch nicht zu erwähnen, dass ein großer Bevölkerungszuwachs auch automatisch ein größeres Wirtschaftswachstum zur Folge hat. Die Israelis profitieren also in vielerlei Hinsicht von der hohen Geburtenrate. Das alleine kann aber auf keinen Fall das gigantische Wachstum und den wirtschaftlichen Erfolg des Landes erklären, der es einzigartig im Nahen Osten dastehen lässt. Schauen wir daher als nächstes auf die einzelnen Wirtschaftszweige: Womit verdienen israelische Unternehmen ihr Geld? Wer kauft israelische Waren und welche sind besonders begehrt?
Der wichtigste Handelspartner Israels ist eindeutig die EU, danach kommen die USA und Asien. 2010 kamen etwa 35% aller Warenimporte aus der EU, weitere 11% aus den USA; 26% aller Warenexporte flossen in die EU und 31% in die USA. Der Außenhandel
war insgesamt im Vergleich zum Vorjahr um 23% gestiegen, wobei die Ausfuhr mit 21% etwas weniger expandierte als die Einfuhr mit 25%. Aber was exportieren die Israelis eigentlich?
Eigentlich haben die Israelis außer Jaffa-Orangen doch gar nichts zu exportieren. Weder Erdöl noch Erdgas noch Kohle, Uran, Eisenerz: die Bodenschätze, ohne die Länder wie Russland, Saudi-Arabien oder der Iran längst zu Entwicklungsländern geworden wären, all das gibt es in Israel nicht. Und trotzdem ist Israel kein Entwicklungsland, ganz im Gegenteil, es ist bei allen internationalen Hilfseinsätzen mit dabei, wenn es darum geht, Menschen zu helfen, die in Entwicklungsländern in Not geraten sind.
Was also exportieren die Israelis? Man kann es auf einen Nenner bringen: es ist Intelligenz. Denn:
- Orangen und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse machen nur etwa 3% des Exports aus,
- Etwa 28% werden in Form von Diamanten exportiert,
- aber satte 69% sind Industrie-Produkte.
Und von diesen Industrie-Produkten sind wiederum 74% High-Tech- und Medium-High-Techprodukte. Die Ausfuhr von (wissensbasierten) Dienstleistungen ist weiterhin von zunehmender Bedeutung und belief sich im Jahr 2007 auf etwa 21,3 Mrd. US$. Dem gegenüber stand eine Einfuhr von Dienstleistungen im Wert von circa 18,1 Mrd. US$.Was braucht man, um solche Produkte herzustellen? Intelligenz! Und warum, so fragen sich die Vertreter der „Kauft nicht bei Juden!“-Fraktion, kann man so was nicht auch boykottieren?
Die Antwort lautet: Dann müsstet ihr zu Hause den Stecker rausziehen. Denn die Liste der elektronischen Geräte, der Computerhardware und -software, die wir täglich benutzen und die von israelischen Unternehmen erfunden wurden, ist unendlich lang. Es fängt an mit der Handytechnologie, die von MotorolaIsrael entwickelt wurde. Handys sind aus dem täglichen Leben heutzutage nicht mehr wegzudenken, selbst starrsinnige Technologie-Gegner benutzen sie, und sei es nur, um sich bei der nächsten Castor-Demo untereinander blitzschnell zu verständigen.
Ein weiteres elektronisches Minigerät, das heutzutage jeder Schüler mit sich herumträgt, ist der USB-Stick. Auch dieser wurde von einem Israeli entwickelt, und weil die Entstehungsgeschichte einerseits witzig und andererseits auch typisch ist, möchte ich hier Ulrich Sahm zitieren, der Dov Moran (Foto links, Quelle: U.Sahm), den Erfinder des USB-Sticks, im Jahre 2008 interviewte:
Die Erfindung des UBS-Stick geschah nicht aufgrund einer genialen Inspiration. „Ich bin kein Einstein, der eine neue Theorie aus dem Nichts erfand. 1998 reiste ich nach New York. Während des Fluges habe ich an meiner Präsentation gearbeitet. Ich verschloss den Laptop nicht richtig. Die Batterie entleerte sich. Danach wollte der Laptop nicht mehr anspringen.“ Jemand bot ihm seinen Laptop an. Aber die Präsentation steckte unerreichbar im kaputten Computer. „Ich kam zum Schluss, dass ich meine Präsentation an (einem) sicherem Ort haben muss, um auf jedem Computer zu laufen. Ich wusste, dass jedes Notebook einen USB-Stöpsel hat. Ich wollte Speicherkarten wie in Digitalkameras mit dem USB-Stecker verknüpfen. Das war meine Idee. Keine Erleuchtung, sondern das Bedürfnis, ein akutes Problem zu lösen.“ Moran tüftelte, bis der USB-Stick geschaffen war. Nebenbei wurde er so auch Millionär.[5]
Und nicht nur das: Seine Firma M-Systems verkaufte er 2006 für 1,6 Milliarden Dollar an SanDisk Corp. Und tüftelt auch jetzt noch weiter, der Mann ist ja erst 56 Jahre und heißt nicht Boris Becker. Ich will aber jetzt keine vollständige Liste aller technischen und wissenschaftlichen Innovationen wiedergeben, mit denen uns die Israelis in den vergangenen Jahrzehnten beglückten, es reicht, einen Blick auf die Links am Ende diese Artikels zu werfen. Statt dessen möchte ich einige Superlative aus Alroi-Arlosers Vortrag wiedergeben, die auch mich überrascht haben (Quelle: [0])
- Israel hat mehr Notierungen am NASDAQ als Europa, Korea, Japan, Indien und China zusammen
- Israel ist größter Magnet für VC per capita weltweit. Und das heißt übersetzt: Pro Kopf wird in Israel am meisten Kapital für Firmengründungen („Startups“) eingesetzt. (VC = Venture Capital)
- Voice over IP wurde von der israelischen Firma VocalTec erfunden
- ICQ, Firewall und VPN wurden in Israel entwickelt
- EPROM, der erste lösch- und wieder beschreibbare Memorychip wurde von Intel Israel entwickelt
- Given Imaging [6] gelang die Miniaturisierung israelischer Raketen- und Bilderkennungstechnologie und entwickelte so die Kapselendoskopie
Bei dem letzten Punkt handelt es sich um eine winzige Kapsel, die der Patient schluckt und die dann auf ihrem Weg durch Speiseröhre, Magen und Darm alle zweiSekunden ein Bild aufnimmt. Die Kapsel wiegt weniger als vierGramm und ist 11mm mal26mm groß, enthält Batterien, einen Sender, zweiLichtquellen vorne und hinten sowie eine Chip-Kamera, die maximal 18 Bilder pro Sekunde aufnehmen kann. Die Bilder werden an einen Empfänger gesendet, den der Patient am Körper tragen kann. Die Firma schildert den typischen Einsatz so: Nach einer gründlichen Darmreinigung geht man morgens zum Arzt, nimmt sich ein großes Glas Wasser und schluckt die Kapsel. Danach kann man dann normal zur Arbeit gehen und dem Arzt am Abend das Empfangsgerät abliefern, die Kapsel verlässt den Körper auf natürlichem Wege.
Wem das noch nicht reicht, der kann hier noch ein paar weitere Punkte zur Erfolgsstory hinzufügen (Quelle: [0]):
- 70% der israelischen Abwässer werden recycled, 2009 erklärte die UNO Israel zum weltweit effizientesten Wasser-Recycler
- Über 90% der israelischen Haushalte nutzt Solarboiler zur Warmwassererzeugung
- Die weltweit größte Meerwasserentsalzungsanlage steht in Israel und versorgt die Bevölkerung mit jährlich 100 Millionen Kubikmeter Wasser – und ist dabei die kostengünstigste ihrer Art.
- Israel wird das erste Land weltweit mit einem flächendeckenden E-Mobility-Netz sein.
Und nun noch ein paar Worte zu den Deutschen. Was kaufen die in Israel? Da erleben wir ein paar Überraschungen:
- Die virtuelle Abseitslinie bei Fußballübertragungen aller Sender wird durch eine Technologie der israelischen Firma ORAD auf den Bildschirm gebracht
- Deutsche Weine werden durch eine in Israel entwickelte Tropfbewässerung veredelt
- Die CRM- und Abrechnungssoftware bei Vodafone und T-Mobile kommt aus Israel
- Magnesiumteile für Autos werden in Israel bestellt
- Deutsche Flughäfen übernehmen die Sicherheitstechnologie der Israelis
Aber das Wichtigste: Deutsche Firmen kaufen sich in israelische ein und nutzen den hohen Ausbildungsgrad israelischer Techniker und Ingenieure. Die Israelis haben das, wonach man in Deutschland verzweifelt sucht: weltweit den höchsten Bevölkerungsanteil an MINT-Beruflern. Der Akademikeranteil in der gesamten Bevölkerung beträgt stolze 34% (in Deutschland nur 10%), da ist es kein Wunder, dassz.B. Firmen wie Siemens oder SAP riesige Niederlassungen resp. Beteiligungen an israelischen Firmen haben (Siemens investierte über 900 Mio. € in Israel, SAP über 400 Mio. €, VW über 225 Mio. €). Die Firma SMA, ein TecDAX-Schwergewicht aus der Solarbranche, hat erst 2008 den israelischen Markt entdeckt und bereits heute ein Auftragsvolumen von der Größe Spaniens.
Ich möchte als letztes noch etwas zur Frage nach der Ursache für den hohen Grad an Akademisierung in Israel sagen. Es ist ja nicht nur der hohe Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung, es ist vor allem der hohe Anteil an Technikern, Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, der deutsche Firmen wie ein Magnet nach Israel ziehen lässt. Für diese weltweit einzigartige Zusammenballung von naturwissenschaftlichem Sachverstand gibt es zwei Gründe:
- Israel befindet sich eigentlich in einer schwierigen wirtschaftlichen Ausgangssituation. Es gibt fast keine Bodenschätze, die Gesamtfläche des Landes ist extrem klein und reicht, was eigentlich ein Wunder ist, gerade mal aus, um die Bevölkerung mit Gemüse und Obst zu ernähren, der Rest musseingeführt werden. Der Handel mit den Nachbarstaaten war jahrzehntelang blockiert, und so ist es kein Wunder, dassRegierung und Militär den Aufbau von High-Tech-Firmen und die Ausbildung von Naturwissenschaftlern an den Universitäten massiv unterstützt haben. Grisha Alroi-Arloser hat es in seinem Vortrag so ausgedrückt:„Militärische Notlage, Wasser- und Nahrungsmittelknappheit sowie Masseneinwanderung machten rasche Erfolge der eigenen Forschung und Entwicklung notwendig.“
- Ich habe aber noch einen zweiten Punkt im Verdacht, der bei diesem beispiellosen Aufschwung eine wichtige Rolle spielt: Das ist der statistisch signifikant hohe Anteil von Naturwissenschaftlern unter den Einwanderern. Besonders aus der ehemaligen Sowjetunion, aber auch aus Nazi-Deutschland und anderen europäischen Staaten sind sehr viele Naturwissenschaftler nach Israel ausgewandert, wo man auf genau diesen speziellen Wissenszuwachs angewiesen war.
Es ist daher kein Wunder, dassin Israel der Wissenschaftsminister gleichzeitig aktiver Professor für Mathematik ist und darüberhinaus neben seinen politischen Tätigkeiten zwischen 1999 und 2009 allein neunPublikationen veröffentlichte, darunter eine Arbeit über „The recursive inverse eigenvalue problem“, verfasst 1999 zusammen mit zwei deutschen Mathematikern und der israelischen Mathematikerin Marina Arav[13]. Auch hier gibt es also eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Israelis und Deutschen, wenn zwar auch „nur“ auf einer wissenschaftlichen Ebene, aber diese bildet ja die Grundlage für High-Tech und Industrie.
Und was gibt es schöneres als diesen israelischen Bus mit der Telefonnummer des Goethe-Instituts auf der Seite und einer Einladung in hebräischer Schrift „Lerne Deutsch – erlebe Kultur! Einschreiben jetzt…“ ? Da möchte man gleich einsteigen und eine Rundreise durch Israel starten!
Anmerkungen und Links
Die Vortragsfolien findet man im Original bzw. in leicht abgewandelter Form unter mehreren URLs im Internet wieder, siehe [8] und [9].
Die Fotoquellen sind immer direkt neben den Fotos angegeben.
[0] Vortragsfolie aus der Präsentation der AHK Israel, 2011
[0.1] Israel, die Spieltheorie und der Nobelpreis
[1] Israelisches Zentralamt für Statistik
[2] Wikipedia zu Israel
[3] Youtube-Video: Boycott Israel
[4] Israels Parade des Stolzes, Ben Dror Yemini, Maariv, 17.05.08
[5] Wie der USB-Stick erfunden wurde
[6] Given Imaging, Erfinder der Kapselendoskopie[7] http://www.kapselendoskopie.de, Medizinische Universitätsklinik Bochum
[8] www.saarland.ihk.de/ihk/international/vortraege/israel09.pdf (Version von 2009)
[9] cgbn.files.wordpress.com/2011/08/israel-pp-von-cgbn.pptx
[10] http://www.eclareon.eu/sites/default/…/praesentation_grisha_alroi-arloser.p…
[11] Marina Arav, Associate Professor am Departement of Mathematics & Statistics der Georgia State University
[12] Besuch von Hershkowitz in Worms, 27.06.2011
[13] Ausgewählte Veröffentlichungen von Daniel Hershkowitz, Liste bei scientificcommons
[14] Hershkowitz zu Obamas Forderung, die Siedlungsaktivitäten „einzufrieren“
[15] Ausführliche Beschreibung des Besuchs von Hershkowitz in der Bundesrepublik
„Die israelische Wirtschaft ist kein Supertanker sondern ein Schnellboot.“
Hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E), zahlreiche Patente, Start-up Unternehmen, Nobelpreisträger: Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist Israel zu einem der innovativsten Länder der Welt geworden. Aus dem Agrarstaat mit sozialistischen Ansätzen, der Israel bei seiner Gründung war, ist innerhalb kürzester Zeit ein marktwirtschaftliches, diversifiziertes, kompetitives Industrieland geworden. Rohstoffarmut und Wasserknappheit haben die Israelis erfinderisch gemacht - gerade die forschungsintensiven Bereiche wie der High-Tech Sektor sind eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Unter den OECD-Mitgliedsstaaten gibt Israel den größten BIP-Anteil für F&E aus (2010: 4,8%); auch das BIP-Wachstum ist eines der größten (2010: 5,3%). Der Umsatz israelischer Start-up-Unternehmen durch Geschäfte mit ausländischen Abnehmern ist von 218 Millionen US-Dollar 2003 auf über 1.400 Millionen US-Dollar Ende 2009 gestiegen. Auch die Wirtschaftskrise 2008/09 konnte diese positiven Entwicklungen nicht umkehren. Israels Wirtschaft wächst beträchtlich. Der Geschäftsführer der Israelisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer Grisha Alroi-Arloser spricht über die besonderen Stärken und Herausforderungen der israelischen Wirtschaft.
Das Gespräch führte Katharina Höftmann
Gesellschaft Israel-Schweiz (GIS): Herr Alroi-Arloser, Israel ist ein junger Staat und trotzdem wirtschaftlich, besonders im direkten Vergleich zu seinen Nachbarländern, äußerst erfolgreich – was ist das Erfolgsgeheimnis der israelischen Wirtschaft?
Grisha Alroi-Arloser (Alroi-Arloser): Kein Öl. Viele Länder im Nahen Osten haben sich auf ihren Rohstoffreichtum verlassen können und deshalb nichts anderes getan. Israel aber musste Ideen unabhängig von Rohstoffen entwickeln. Das Land ist europäisch geprägt, orientiert sich an europäischen Werten und so verhält es sich auch wirtschaftlich. Und das wichtigste Wirtschaftsgut hier sind die Menschen, ihre Bildung, ihr Unternehmergeist – das ist ja bei ihnen fast DNAbedingt.
GIS: Es gibt ja auch viele Theorien, dass der wirtschaftliche Erfolg mit dem Militärdienst zusammenhängt, den alle Israelis ableisten müssen.
Alroi-Arloser: Das ist sicherlich auch ein Argument. Das Militär spielt mehrere wichtige Rollen. Erstens ist es ein bedeutender Technologieausbilder. Zweitens ist es ein bedeutender Technologieabnehmer. Und drittens ist es tatsächlich so, dass junge Israelis mit 18, 19, 21 Jahren Verantwortung übernehmen müssen, die Menschen in Deutschland oder Europa allgemein vielleicht mit 40, wenn sie gut sind, übernehmen. Das bezieht sich auf große Systeme, Verantwortung für Technologien aber natürlich auch für Menschen.
„Wir müssen versuchen, alle Teile der israelischen Gesellschaft in den Wirtschaftserfolg zu integrieren.“
GIS: Israel ist ein Einwanderungsland mit einer sehr vielseitigen Bevölkerung, das bietet natürliche viele Chancen. Andererseits sieht man auch, dass bestimmte Teile der israelischen Gesellschaft, ich denke hier an orthodoxe oder arabische Israelis, nicht so gut in die Wirtschaft integriert sind. Liegen in der Diversität auch Gefahren?
Alroi-Arloser: Sie sprechen natürlich die Knackpunkte an und das sollte man auch tun. Die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte Israels gilt längst nicht für alle Teile der Bevölkerung. Sie gilt weniger für die Peripherie sondern mehr für das Landeszentrum, weniger für die orientalischen Juden und mehr für die aschkenasischen, sie gilt nicht für die Orthodoxen sondern nur für die Säkularen und mehr für die Juden als für die Araber. Das sind die Spannungsgefälle der israelischen Gesellschaft, die sich auch sozioökonomisch auswirken. Die Frage ist natürlich, wie eine relativ kleine Volkswirtschaft auf Dauer die weniger produktiven Teile der Bevölkerung, die ja demographisch gesehen stärker anwachsen, als die anderen, mittragen kann. Deswegen gibt es vermehrt Versuche, diese Teile zu integrieren. Man versucht beispielsweise orthodoxe Frauen, teilweise auch orthodoxe Männer, an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Das wird auch für die arabische Bevölkerung gelten müssen. Und in dem Moment, wo das gelingt, wird der Kinderreichtum dieser Bevölkerungsgruppen zurückgehen und die israelische Bevölkerungspyramide, die demografische Verteilung, wird sich normalisieren.
GIS: Die weltweite Wirtschaftskrise 2008/09 hat Israel hervorragend gemeistert. Auch aktuell brodelt es wieder auf den Finanzmärkten, vor allem die Stabilität des Euros wird in Frage gestellt – wie geht die israelische Wirtschaft mit diesen Herausforderungen um?
Alroi-Arloser: Man kann Israel natürlich nicht aus der internationalen Wirtschaftsumgebung herauslösen. Deswegen würde eine weltweite Rezession nicht spurlos an der israelischen Wirtschaft vorbeigehen. Exporte sind ein ganz wichtiger Teil des wirtschaftlichen Erfolges. Aber Israel hat die letzte Krise so gut gemeistert, weil Israel eine sehr gut funktionierende Bankenaufsicht hat. Das ist eine Lehre aus der großen Bankenkrise in den 80er Jahren. Israels Zentralbank unter Stanley Fischer hat eine sehr restriktive Politik, es gibt eine neutrale, sich von der Politik nicht beeinflussen lassende Zinspolitik und die israelischen Banken waren nicht so sehr in die Zocker- Investionen, wie sie in den USA und Europa durchgeführt wurden, involviert. Es mussten hier keine Banken geschützt oder mit Steuergeldern aufgepumpt werden. Außerdem ist Israel eine kleine Volkswirtschaft die sich auf Nischen spezialisiert hat. Und in diesen Nischen funktioniert es nach wie vor. Das heißt natürlich nicht, dass es so bleibt. Aber unser größter Vorteil ist, dass wir zwar rasch in die Krise kommen könnten, aber auch sehr schnell wieder herauskämen. Wir sind kein Supertanker sondern eher ein Schnellboot.
„Wir werden 2011 wieder das Rekordjahr von 2008 erreichen – von Isolation ist da nichts zu spüren.“
GIS: Momentan ist in allen Medien von der zunehmenden Isolation Israels die Rede, besonders in Hinblick auf die sich verschlechternden Beziehungen zur Türkei und Ägypten sowie die zunehmend von Kritik geprägten Beziehungen zu den USA und Deutschland. Hat diese angebliche Isolation tatsächlich Einflüsse auf die wirtschaftlichen Beziehungen bzw. die wirtschaftliche Entwicklung Israels?
Alroi-Arloser: Wir können momentan keine Einflüsse auf die wirtschaftlichen Beziehungen feststellen. Es gibt sicherlich hin und wieder vereinzelte Boykott-Aufrufe, gerade in europäischen Ländern. Da muss man natürlich hinhören, aufpassen und gegensteuern. Ein Problem, was ich auf Dauer gerade auch im Verhältnis zu Deutschland sehe, ist die Frage nach Investitionen in Projekte jenseits der grünen Linie. Dies hat sich vor allem im letzten Jahr manifestiert, da hat es von deutscher Seite einige Rückzüge gegeben. Aber im wirtschaftlichen Umgang miteinander und was die privatwirtschaftlichen Beziehungen angeht, habe ich keinerlei Einbußen feststellen können. Im Gegenteil, wir werden 2011 wieder das Rekordjahr von 2008 erreichen: Knapp 6 Milliarden US$ Handelsvolumen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel. Da ist von Isolation oder Zurücknahme nichts zu spüren.
GIS: Mehr als 6.000 deutsche Unternehmen unterhalten derzeit Kontakte zu israelischen Firmen, über 30 israelische Unternehmen haben deutsche Niederlassungen. Deutschland war 2010 nach den USA und China drittwichtigster Handelspartner Israels. Was sind die Besonderheiten der israelisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen im Vergleich zu Israels wirtschaftlichen Beziehungen zu anderen Ländern?
Alroi-Arloser: Ich glaube nicht, dass es Besonderheiten in dieser Beziehung gibt, außer das sie sehr intensiv ist. Wobei der Handel mit Deutschland, wenn man die prozentuellen Anteile aus israelischer Sicht betrachtet, einen weniger wichtigen Stellenwert einnimmt als früher. Deutschland ist vom zweiten auf den dritten Platz der wichtigsten Handelspartner gerutscht und in absehbarer Zeit wird es wohl auf den vierten rutschen, weil es von Indien überholt wird. Die USA sind sowieso nach wie vor wichtigster Handelspartner und stehen damit auch vor Deutschland in der Rangliste. Am Volumen der Handelsbeziehungen mit Deutschland ändert sich jedoch nichts, das nimmt zum Teil sogar zu, nur am Stellenwert.
GIS: Woran liegt das?
Alroi-Arloser: Das liegt daran, dass die israelische Wirtschaft sehr global handelt. Gerade die südostasiatischen Märkte wurden für den Import entdeckt und man kommt dort gut zurecht. Aber es gibt natürlich Bereiche wie den Maschinenbau, da macht Deutschland immer noch zehn bis elf Prozent aller israelischen Importe aus. Und in anderen Bereichen sind es eben fünf und weniger Prozent, wo es mal acht waren. Aber nichtsdestotrotz hat Israel wirtschaftlich der Bundesrepublik Deutschland viel zu verdanken. Das Luxemburger Abkommen mit Deutschland stand sozusagen an der Wiege der Entstehung der israelischen Volkswirtschaft. Die Modernisierung und das Entstehen einer israelischen Industrie ist vielfach deutschen Produkten und deutschem Know-how zu verdanken. Die Bundesrepublik hat hier eine ganz wichtige Rolle gespielt: Die Unterstützung Deutschlands war eindeutig die Starthilfe für die israelische Wirtschaft.
„Israel wird von der deutschen Wirtschaft als Krisenherd gesehen.“
GIS: In der Außenhandelskammer arrangieren Sie auch Geschäfttermine zwischen Israelis und Deutschen – gibt es da manchmal Befangenheiten?
Alroi-Arloser: Es gibt hin und wieder auf deutscher Seite vor einem ersten Treffen Befangenheiten. Bei Leuten, die zum ersten Mal nach Israel kommen, um Gespräche mit potentiellen Partnern, Kunden oder Lieferanten zu führen. Die wissen manchmal nicht genau, was sie erwartet. Die Israelis sind aber unwahrscheinlich offen und freundschaftlich Deutschen gegenüber, was diese oft überrascht. Das liegt nicht daran, dass die Israelis die Vergangenheit ausblenden, sondern sie wissen, dass die jungen Leute keine Verantwortung für die Geschehnisse in der Vergangenheit haben. Das Thema „Vergangenheit“ wird wenn überhaupt meistens erst beim zweiten, dritten Treffen angesprochen.
GIS: Bisher ist vor allem Deutschland für Israel als drittwichtigster Handelspartner wichtig – wie kann Deutschland bzw. deutsche Firmen noch mehr von einer Zusammenarbeit mit Israel profitieren?
Alroi-Arloser: Zuerst einmal hat Israel für Deutschland einen ähnlichen Stellenwert wie viele andere Länder auf der Welt. Deutschland ist einfach Exportweltmeister. Wir sind da irgendwo auf Platz 42, 43 und das ist total normal und da kann man auch nichts anderes erwarten. Aber wenn wir uns den Nahen Osten anschauen, von Marokko bis zum Iran, da hat Israel einen hohen Stellenwert. In dieser Region ist Israel ein wichtiger Partner für Deutschland und das bedeutet, dass der Handel mit Israel, neben den vielen anderen weltweiten Handelskooperationen, natürlich auch deutsche Arbeitsplätze sichert. Investitionen in Israel sind nicht unbedingt das große Ding, Israel wird von der deutschen Wirtschaft als Krisenherd gesehen. Man investiert in israelisches Knowhow, aber große Investitionen wie die von Siemens oder seinerzeit Volkswagen, gibt es selten. Umgekehrt sind die Investitionen sehr hoch und das ist ein wichtiger Aspekt für die Bundesrepublik. Viele israelische Unternehmen haben sich in Deutschland niedergelassen, sie tätigen ihre Europageschäfte von Deutschland aus und engagieren sich in den unterschiedlichsten Bereichen vom Hotelgewerbe über die Immobilienbranche bis zur Hochtechnologie und chemischen Industrie. Der bedeutendste Vorteil für Deutschland ergibt sich jedoch aus der Kooperation mit Israel im Bereich der Forschung und Entwicklung. Da gibt es enorm viele Zusammenarbeiten der Universitäten und Institutionen der angewandten Forschung wie das Fraunhofer-, Max-Planck- oder Leibniz-Institut. Die entsprechenden Partner haben Israel in Bereichen wie Nanotechnologie, Sicherheit, Energie, Wasser und Medizintechnik längst entdeckt.
GIS: Herr Alroi-Arloser, vielen Dank für das Gespräch!
Weitere Informationen:
Übersichtsartikel über die israelische Wirtschaft, Auswärtiges Amt Deutschland
http://www.auswaertigesamt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Israel/
Wirtschaft_node.html
Informationen über die Wirtschaftbeziehungen zwischen Israel und Deutschland
Informationen über Israels Startup-Szene (englisch), Webseite „Start-up Nation“
http://www.startupnationbook.com/
Israels Mittel(auf)stand
bringt in der größten Demonstration
der Geschichte Israels fünf Prozent der Gesamtbevölkerung auf die Straße
von Grisha Alroi-Arloser, AHK Israel
Seit Wochen reißen die Sozialproteste im Land nicht ab: Studenten, Rentner, Eltern, Ärzte, Lehrer, Sozialarbeiter, alleinerziehende Mütter, aber auch Moshe Normalverbraucher wollen einfach nicht mehr: obwohl die Wirtschaftsdaten Israels außergewöhnlich gut sind, das Wachstum mit fast 5% robust, die Arbeitslosigkeit mit 5,7% ein historisches Tief und die Devisenreserven mit 70 Milliarden USD ein Allzeithoch erreicht haben, die Steuereinnahmen der Regierung weit über den Erwartungen liegen und die Erdgasfunde vor der Küste eine maßgebliche Entspannung in der Energieversorgung versprechen, sind die Lebenshaltungskosten dermaßen horrend, dass auch bei zwei Einkommen pro Familie kaum einer aus den roten Zahlen kommt.
Weitreichende Privatisierungen, die Aufhebung von Preiskontrollen und die problematische Nähe zwischen Politik und wenigen superreichen Familien haben im vergangenen Jahrzehnt, vor allem aber seit Amtsantritt der zweiten Netanyahu-Regierung zu einer Kostenexplosion geführt, die dem Großteil der israelischen Bevölkerung die Früchte der positiven Wirtschaftsentwicklung vorenthalten. Bei einem Durchschnittseinkommen von umgerechnet 1.500 EUR sind Mieten von 800 EUR und mehr nicht bezahlbar. Kindertagesstätten – unabdingbare Voraussetzung, wenn beide Eltern arbeiten – kosten pro Kind gut und gerne 500 EUR. Das einst stark sozialistisch geprägte Israel hat sich zur wohl ungleichheitlichsten Gesellschaft unter den OECD-Staaten entwickelt.
Begonnen hatte es mit dem ersten Verbraucherboykott in der Geschichte Israels vor sechs Wochen. Der Preis für 200 Gramm Hüttenkäse hatte 1,55 Euro überschritten, und über das Internet wurde zu einem Boykott aufgerufen. Einige Wochen später begannen junge Leute zuerst in Tel Aviv, wenig später im ganzen Land Zeltlager aufzuschlagen, um gegen die unerschwinglichen Mietpreise und die Unmöglichkeit, irgendwann Wohneigentum zu erwerben zu protestieren. Zulauf erhielten sie von den verschiedensten Protestgruppen, wobei es keiner politischen Partei gelang, sich vor den Karren zu spannen. Auch der Vorsitzende des Gewerkschaftsdachverbandes wurde nicht als Katalysator akzeptiert. Dem Protest schlossen sich Linke und Rechte, orientalische und ashkenasische Juden, Alteingesessene und Neueinwanderer, Araber und Drusen, Siedler und Orthodoxe, Junge und Alte an. Gestern Abend erreichte die Bewegung ihren vorläufigen Höhepunkt: 350.000 Menschen gingen landesweit auf die Straße, in Tel Aviv allein waren es über eine Viertel Million. Beliebte Künstler zeigten sich solidarisch und traten vor einem Meer aus Plakaten auf. Zur Hymne wurde der Refrain eines Lieds von Shlomo Artzi: „Eines Morgens richtet sich das Volk auf und macht sich auf den Weg.“
Die Netanyahu-Regierung ist sichtlich nervös: Schnellschüsse, Beschuldigungen, Solidaritätsbekundungen und Untersuchungsausschüsse wechseln einander ab. Aus der Vielstimmigkeit des Protests kristallisieren sich 10 Forderungen heraus:
- Privatisierungsstopp
- Herabsetzung der Mehrwertsteuer um 3% pro Jahr von heute 16% auf letztendlich 7%
- Einführung einer Erbschaftssteuer auf Nachlässe über 600.000 EUR
- Wiedereinführung der Preiskontrolle für Heizöl, Gas und Lebensmittel
- Einrichtung einer Mitpreisaufsichtsbehörde
- Begrenzung der Anzahl von Schülern pro Klasse auf 21
- Kostenlose Kindertagesstätten ab dem 3 Lebensmonat und landesweite Einführung der Ganztagsschule bis 17:00 Uhr, einschließlich einer warmen Mahlzeit
- 50% Subvention der öffentlichen Verkehrsmittel für alle
- Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf 50% des Durchschnittseinkommens
- Einführung einer 3jährigen Karenzzeit für Beamte des Finanzministeriums, bevor sie in die Privatwirtschaft wechseln dürfen
Nicht nur angesichts der dramatischen Wirtschaftsentwicklungen in den USA und in Europa wäre die Durchsetzung sogar eines Teils dieser Forderungen mit unverantwortlichen Mehrkosten verbunden. Möglich ist ein derartiger Paradigmenwechsel nur dann, wenn die nationale Prioritätenordnung verändert wird: kein Geld mehr für den Siedlungsbau, stattdessen Errichtung von erschwinglichen Sozialwohnungen im Kernland; keine Investitionen in die Infrastruktur der besetzten Gebiete, stattdessen Subvention des öffentlichen Verkehrs; keine Milliardengeschenke an die Orthodoxen, stattdessen eine einschneidende Reform des säkularen Schulwesens; Reduzierung des Verteidigungshaushalts um 5 Prozentpunkte bei gleichzeitiger Senkung des Mehrwertsteuersatzes.
Noch werden diese Zusammenhänge nicht aufgezeigt, noch ist die Protestbewegung mehr oder weniger unpolitisch. Aber sehr bald wird die nicht mehr schweigende Mehrheit deutlich fordern, die unumgängliche Neuordnung der Prioritäten vorzunehmen. Netanyahu ist dazu ideologisch nicht imstande. Auch wenn die jetzige Koalition der politischen Trägheit stabil erscheint, wird die Protestbewegung Israels politische Landschaft auf Dauer verändern.
Nicht der Frieden, nicht die Aussöhnung mit den Palästinensern, nicht die Siedlungspolitik waren in der Lage, die Massen zu mobilisieren. „It´s the economy, stupid“, rufen die Israelis heute ihrem Regierungschef zu. Dass ihre berechtigten Forderungen aber von enormer außen-, friedens- und sicherheitspolitischer Brisanz sind, hat er bereits begriffen.
Tel Aviv, August 2011



